Augenlieder

Hier finden Sie Lieder fürs Auge - gesungene Bilder - Farben, die zu Tönen werden - Melodien in Öl. Und um im Bild zu bleiben: vielleicht fällt manches, was Sie künftig hier finden, aus dem Rahmen...

 

Anschauanweisung: den Texten gehen jeweils die Bilder zum Lied voran, oder besser: die Bilder, zu denen das Lied ist.

Julie (2011)

Der Schönheit ein Lied. 

 

Julie, Madame Récamier (ja, die mit dem Möbelstück) - ob sie die Bilder, die von ihr um 1800 in Frankreich gemalt wurden, verdient hat, das wissen wir nicht mehr. Aber dass diese Bilder dieses Lied verdient haben, davon war jedenfalls Markus Sauer überzeugt, als er es 2011 schrieb. Im Hintergrund Musette-Klänge im Dreiertakt, gestrichene Bass-Bordune, ein eiskaltes Glas Rosé d'Anjou zur Rohmilchkäseauswahl, der Aschenbecher schon lange voll und die Baskenmütze vergessen unter dem Tisch... ach Julie.

 

Julie gemalt von Jaques-Louis David
Julie gemalt von Francois Gérard

 

Julie - hast du gewusst, was ich dir heute sag:

Seit Jahren denk ich schon an dich und träum' von dir jeden Tag.

Im Straßenbahngewühl mach ich manchmal die Augen zu.

Was ich dann vor mir sehe - Julie, das bist du.

 

Du lächelst mich nicht an, doch geht dein Blick tief in mich rein,

und zieht mich runter - trotzdem möchte ich vor Freude schrei'n.

Du sprichst ja nicht mit mir, und trotzdem hör ich ein Gedicht.

Ich möcht' dich so viel fragen, doch du antwortest nicht.

 

 

       Julie, Julie, Julie - du hast so was Immaterielles an dir.

       Julie, Julie, Julie - da ist was Spezielles zwischen dir und mir.

 

 

Wie war es mit Jaques-Louis, hast du mit ihm gesprochen?

Wie nah durfte er dir sein, hat er dich berührt, gerochen?

Hielt er deine Hand? Strich er dir durch's Haar?

Und wie ging es Monsieur, wenn Jaques-Louis bei dir war?

 

Und wenn ihr spracht - war's tief und ernst oder höflich-banal?

Trugst du das schwarze Band im Haar nur diese einzige Mal?

Julie - warst du glücklich während dieser Zeit?

Und als du aufstandest, wehte da dein Kleid?

 

 

       Julie, Julie, Julie - du hast da so was Potentielles an dir.

       Julie, Julie, Julie - da ist was Spezielles zwischen dir und mir.

 

 

Francois - stellte er die kleine Bank unter deinen Fuß?

Sagt dein Blick: du wussest - er hofft auf einen Kuss?

Saßest du wirklich unter Säulen und Olivenbäumen?

Oder ist das nur einer von meinen gemalten Träumen?

 

Ich möcht' die zarten Finger deiner rechten Hand berühren,

deinen Atem, deine weißen weichen Arme spüren.

Gib mir das gelbe Tuch, ich leg es über mein Gesicht -

dann seh' ich nur noch dich. Dass du nicht da bist, seh' ich nicht.

 

 

       Julie, Julie, Julie - du hast so was Eventuelles an dir.

       Julie, Julie, Julie - da ist was Spezielles zwischen dir und mir.

 

 

       Julie, Julie, Julie - du hast so was Sensationelles an dir.

       Julie, Julie, Julie - da ist was Spezielles zwischen dir und mir.

 

 

Gerda Laufenberg: Du hast doch aus mir getrunken

Eine kleine traurige Liebesgeschichte - zusammengesetzt ausschließlich aus Zitaten und Motiven aus Märchen der Brüder Grimm.

Gerda Laufenberg: (Titel nicht bekannt) 2014

 

     Du hast doch aus mir getrunken, du Reh.

     Und ich habe blind in der Wüste um dich geweint.

     Wir waren Fischer und Nixe im See.

     Und wir haben gewusst, dass der Mond nicht jede Nacht auf die Steine scheint.

 

Du hast doch hier auf meinem Stuhl gesessen.

Du hast doch von meinem vergifteten Apfel gegessen.

Du hast wegen mir den Weg verlassen und bist zu den Blumen gegangen.

Und ich habe doch für dich das Einhorn gefangen.

 

Wir haben doch über Gold und Stein gelacht auf dem Brunnenrand, auf dem wir saßen.

Du hast doch dein Haar für mich vom Turm heruntergelassen.

Ich war dein Bär, du hast mit mir Mutwillen getrieben, Rosenrot.

Du hast doch hundert Jahre geschlafen und warst nicht tot.

 

     Du hast doch aus mir getrunken, du Reh...

 

Du wolltest doch immer wieder meinen Namen wissen

und wir haben nie eiserne Ringe um die Herzen tragen müssen.

Du hast mich das eine geheime Wort gelehrt

und wir haben den goldenen Vogel in den hölzernen Käfig gesperrt.

 

Wir haben doch zusammen die Hexe betrogen.

Du hast doch für mich in der Dunkelheit dein Hemdchen ausgezogen.

Wir ließen uns nicht von dem Klopfen an der Türe stören

und wir konnten doch beide die Blutstropfen sprechen hören.

 

     Du hast doch aus mir getrunken, du Reh...

 

Ich habe meinen Dudelsack über den Stachelrücken geschnallt.

Ich glaube, wir finden nie mehr heraus aus diesem Wald.

Die Mauern des Schlosses sind plötzlich ganz nah.

Hast du es auf der Erde schneien lassen? Der Himmel, er ist so klar!

 

Wir wollten doch zusammen das blaue Licht aus dem trockenen Brunnen holen.

Wir hätten uns auf dem Weg zurück nicht umdrehen sollen.

Ich war dein Wolf, du hast dich vor mir versteckt.

Und manchmal denk ich, ich hab dich bis heute nicht mehr entdeckt.

 

     Du hast doch aus mir getrunken, du Reh...

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© Markus Sauer Chansons