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Nigel lebt! (2018)

Nigel hatte Federn. Für seine Leidenschaft und Konsequenz musste er sie nur im übertragenen Sinne lassen. Er wurde belohnt mit einigen Presseveröffentlichungen, einem Wikipedia-Eintrag - und mit diesem Lied, das am 7. September 2018 im Theater im Bauturm uraufgeführt wurde.

Nigel lebt! 

     

         Nigel – der ist tot. Er lebte keine zwei Jahrzehnte.

         Wir wissen heute noch von Nigel, weil sich Nigel sehnte,

         weil Nigel Hoffnung hatte, weil er liebte, weil er litt

         weil Nigel konsequent war und sich für die Liebe entschied.

 

         Nigel – der ist tot. Dass es ihn gab, ist für uns gut.

         Heute steht er irgendwo in einem Institut.

         Den Widerspruch von Wissenschaft und echter Emotion.

         Konnt' je ihn jemand lösen? Nigel konnte schon. 

 

                  Nigel lebt! Nigel lebt!

 

         Wellington, das kennt man kulinarisch als Filet.

         Als Hauptstadt von Neuseeland liegt es an der Tasmansee.

         Die Tasmansee umschließt – von weitem klein wie Fliegenschmutz –

         die Felseninsel Mana – ein Gebiet für Vogelschutz.

 

         Das war nicht immer so, denn früher war's dort wüst und leer.

         Um die Jahrtausendwende kam ein Boot dann über‘s Meer,

         darin vier junge Wissenschaftler. Ornitohologie.

         Hier sollten Vögel leben!  –  Das beschlossen sie. 

 

                  Nigel lebt! Nigel lebt!

 

         Sie formten einen Tölpel aus Beton und stellten ihn

         auf eine Felsenklippe weithin sichtbar oben hin.

         Sie sagten: Der ist schon sehr gut. Die Sache, die wird rund.

         Bald standen achtzig Tölpel da – stumm, von Pinselstrichen bunt.

 

         Die Hälse gelb, die Flügel schwarz und weiß das Federkleid,

         von fern wie echte Tölpel, doch ein echter Tölpel schreit.

         So schafften sie ein Endlos-Tonband und vier Boxen her.

         So klangen seitdem laut und heiser Tölpel-Schreie über's Meer.

 

                  Nigel lebt! Nigel lebt!

 

         Die Ebbe folgte jahrelang der gleichen blauen Flut.

         Gezeiten sind es nicht, es ist die Zeit, die Wunder tut.

         Zehn Jahre lang passierte nichts und dann noch einmal zehn.

         Dann eines Tages rief ein Mann mit Fernglas: Ich hab' da was geseh'n!

 

         Wie viele sind es? Einer ist's! Ein Tölpel landet hart

         er bremst und überschlägt sich, watschelt los auf Tölpel-Art.

         Er sieht sich um und merkt nichts von der Unvollkommenheit.

         Und könnt' er lächeln, würd' er's tun – so steht er nur und schreit.

 

         Sie nannten ihn schnell Nigel. Nigel hat sich schnell verknallt.

         Denn eine Tölpel-Dame war besonders schön bemalt.

         Er schwänzelte und balzte und er baute ihr ein Nest.

         Versuchte auch noch mehr, doch sie blieb passiv, steinkalt-stumm und fest.

 

                  Nigel lebt! Nigel lebt!

 

         Der Tölpel ist ein Vogel, den mit Grund man Tölpel nennt.

         Er schmückt sein Tölpel-Nest mit seinem eign'en Exkrement.

         Er landet auch auf Schiffen, setzt sich nieder gleich am Grill.

         Der Seemann fängt ihn händisch – denn der Tölpel, der hält still.

 

         Und still hielt auch die Tölpel-Frau in Manas Sonnenlicht.

         Wer meint, er hätte aufgegeben, der kennt Nigel nicht.

         Drei Jahre Tanz und Schnäbeln – nie bekam er was zurück.

         Das ist die Tölpel-Liebe. Doch ist das auch das Glück?

 

                  Nigel lebt! Nigel lebt!

 

         Die Erdenzeit ist endlich. Irgendwann ist sie erfüllt,

         auch wenn nicht jeder Wunsch erfüllt ist. Was für Nigel gilt,

         das gilt auch für uns alle. Irgendwann sind and're dran.

         Und nach drei Jahren kam tatsächlich ein Tölpelschwarm auf Mana an!

 

         Wie nun die Situation war, war für Nigel sie ganz neu.

         Er sah um sich die and'ren, doch der Tölpel, der ist treu!

         Denn wahre Liebe währt und wartet und ist rein vor Gott.

         Drei Wochen balzte Nigel noch – und dann war Nigel tot.

 

               Nigel lebt! Nigel lebt!

 

          Wellington, Neuseeland trauert und mit ihm die Welt.

          Wir lernen: nicht Erfüllung, nein, das reine Streben zählt.

          Denn gäb' es keine Nigels, gäb‘ es Faust und Werther nicht

          nicht Philemon und Baucis, Romeo, Julia und auch fast kein Gedicht.

 

          Das Nigelhafte gibt der Welt Musik und Poesie.

         Wer nichts von Nigel hat, nun ja, der lernt so manches nie.

         Und was sind jetzt für mich Sinn und Moral von diesem Song?

         Ich glaub‘, ich bin der Tölpel. – Ich glaube, du bist aus Beton!

 

         Ich schreie hier vor dir und das sind Vogel-Schrei-Geräusche!
         Ich frage mich, ob mich nicht schon lange in dir täusche.

         Ich komponier‘ Kantanten und krakeel‘ mir einen ab.

         Du lächelst stumm an mir vorbei, ich schreie -  bis ich dich wiederhab'!

 

                  Nigel lebt! Nigel lebt!

 

 

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© Markus Sauer Chansons